|Valproat – was sind die Tatsa­chen?

Valproat – was sind die Tatsa­chen?

2018-08-15T12:13:25+00:00

Medienmitteilung/Statement von gynéco­logie suisse SGGG, Schwei­ze­ri­sche Epilepsie‐Liga, Schwei­ze­ri­sche Gesell­schaft für Neuro­päd­ia­trie, Schwei­ze­ri­sche Arbeits­ge­mein­schaft für Perina­tale Pharma­ko­logie und Schwei­ze­ri­sche Akademie Feto‐Maternale Medizin (AFMM)

Valproat – was sind die Tatsa­chen?

Mit dem Titel „Schäden wegen Epilepsie‐Medikament“ erweckt ein Beitrag in der Sendung „10vor10“ (SRF 1, 7. Februar 2017) den Eindruck, es handle sich um ein neues Medika­ment bzw. um bisher unbekannte Neben­wir­kungen. Die Schwei­ze­ri­sche Gesell­schaft für Gynäko­logie und Geburts­hilfe (SGGG), die Schwei­ze­ri­sche Epilepsie‐Liga (SEL), die Schwei­ze­ri­sche Gesell­schaft für Neuro­päd­ia­trie (SGNP), die Schwei­ze­ri­sche Arbeits­ge­mein­schaft für perina­tale Pharma­ko­logie (SAPP) und die Schwei­ze­ri­sche Akademie Feto‐Maternale Medizin (AFMM) nehmen Stellung.

Wir bedauern sehr, dass unter Valproat Fehlbil­dungen aufge­treten sind, die mögli­cher­weise vermeidbar gewesen wären und die viel Leid in Familien getragen haben. Mit dieser Stellung­nahme und Infor­ma­tion engagieren wir uns, dass solche Gescheh­nisse möglichst nicht mehr auftreten.

  • Bei einer ganzen Gruppe von bestimmten Epilep­sie­formen (sogenannte primär genera­li­sierte Epilepsie‐Syndrome) ist Valproat allen anderen Antiepi­lep­tika signi­fi­kant überlegen wirksam. Dies ist umso bedeu­tungs­voller, als die sog. Aufwach‐Anfälle ohne jegliche Vorwar­nung zum sofor­tigen Bewusst­seins­ver­lust mit Sturz und zu ausge­prägten Zuckungen und Verkramp­fungen mit entspre­chend hoher Verletzungs‐ bis Lebens­ge­fahr führen. Es bestehen auch Hinweise, dass längere Krampf­an­fälle während der Schwan­ger­schaft den Fötus schädigen können. Valproat wird auch mit Erfolg in der Psych­ia­trie einge­setzt und beugt Migräne‐Anfällen vor.
  • Valproat ist seit 1972 auf dem Schweizer Markt. In der Schweiz wird seit den 80er Jahren davor gewarnt, dass Valproat, während der Schwan­ger­schaft genommen, bei rund 10 Prozent der Kinder zu Fehlbil­dungen führt (z.B. sogenannte Spina bifida oder „offener Rücken“). Dies war in Fachkreisen und bei der Ausbil­dung für Neuro­logen und Gynäko­logen ebenfalls vielfach Thema.
  • Die Risiken steigen mit der Dosis, sind aber auch unter einer niedrigen Dosis höher als bei anderen Antiepi­lep­tika. Die Risiken sind auch höher bei Kombi­na­tion mit anderen Antiepi­lek­tika als unter einer Monothe­rapie.
  • Seit 2006 warnt ausserdem die Packungs­bei­lage, dass es zu Entwick­lungs­stö­rungen bei Kindern kommen kann, deren Mütter Valproat nehmen (intel­lek­tu­elle Einschrän­kungen, Autismus). Es ist aller­dings noch nicht in allen Punkten eindeutig belegt, dass Valproat die einzige Ursache für diese Störungen ist.
  • Laut Swiss­medic sind in der Schweiz 15 Fälle von Fehlbil­dungen und weniger als 10 Fälle von Kindern mit Entwick­lungs­stö­rungen als Folge einer Behand­lung der Mutter während der Schwan­ger­schaft bekannt, in einem Zeitraum von 26 Jahren. Das wären weniger als 0,1 Prozent aller Epilepsie‐Patientinnen in der Schweiz (insge­samt rund 70‘000 Betrof­fene, davon rund die Hälfte weiblich).
  • In einigen Berichten taucht nur der Marken­name Depakine auf. Das Medika­ment mit dem Wirkstoff Valpro­in­säure oder Valproat ist in der Schweiz verfügbar als Depakine Chrono, Orfiril, Convulex, Valproat Chrono Desitin retard, Valproat Sandoz retard und Valproate Chrono Zentiva.
  • Bei Männern kann Valproat weiterhin weitge­hend gefahrlos angewendet werden. Aller­dings gibt es zahlreiche Wechsel­wir­kungen mit anderen Medika­menten, es kann diverse Organe beein­träch­tigen und ist für Menschen mit einer seltenen Störung sogar lebens­ge­fähr­lich.
  • Bei vielen kindli­chen Epilep­sien ist Valproat das Mittel der Wahl in der Behand­lung. Kann die antiepi­lep­ti­sche Medika­tion bei den jugend­li­chen Mädchen nicht erfolg­reich vor Errei­chen der Gebär­fä­hig­keit abgesetzt werden, sollte eine Umstel­lung auf ein anderes Antiepi­lep­tikum sorgsam überlegt werden.
  • Unser Rat an Ärzte und Betrof­fene: am besten sollten gebär­fä­hige Mädchen und Frauen keine Behand­lung mit Valproat beginnen oder weiter­führen. Nur wenn wirklich keine der Alter­na­tiven hilft, lässt sich die Einnahme von Valproat vertreten. Die Betrof­fenen sind über die Risiken einer Einnahme von Valproat in der Schwan­ger­schaft und die Gründe für eine Behand­lung in Kenntnis dieser Risiken ausführ­lich aufzu­klären und ihr Einver­ständnis ist schrift­lich zu dokumen­tieren. Nach Möglich­keit sollten diese Patien­tinnen verhüten. Bei bestehendem Kinder­wunsch sollte immer die aller­nied­rigste Dosis angestrebt und gleich­zeitig Folsäure mit 4–5 mg pro Tag zum Schutz vor einer kindli­chen Fehlbil­dung einge­nommen werden.
  • Wer bereits Valproat nimmt und schwanger werden will oder schwanger ist, sollte das Medika­ment auf keinen Fall einfach eigen­mächtig absetzen – ein Anfall mit Sturz könnte für das ungebo­rene Kind und die Mutter gefähr­li­cher sein als die Neben­wir­kungen des Medika­ments. Betrof­fene Patien­tinnen sollten dringend Rücksprache mit ihrem behan­delnden Neuro­logen halten.
  • Kommt es unter Valproat zu einer Schwan­ger­schaft, bestehen Hinweise, dass gestillte Kinder sich kognitiv besser entwi­ckeln als nicht gestillte.
  • Generell empfehlen wir epilep­sie­be­trof­fenen Frauen mit Kinder­wunsch eine frühzei­tige Rücksprache mit ihrem behan­delnden Neuro­logen, ob die Medika­tion angepasst werden sollte.

für gynéco­logie suisse SGGG (www.sggg.ch):
Dr. med. David Ehm, Präsi­dent, Bern

für die Schwei­ze­ri­sche Epilepsie‐Liga (www.epi.ch):
Prof. Dr. Stephan Rüegg, Präsi­dent, Basel

für die Schwei­ze­ri­sche Gesell­schaft für Neuro­päd­ia­trie (www.neuropaediatrie.ch):
Prof. Dr. Peter Weber, Präsi­dent, Basel

für die Schwei­ze­ri­sche Arbeits­ge­mein­schaft für Perina­tale Pharma­ko­logie (www.sappinfo.ch):
Prof. Dr. pharm. Ursula von Mandach, Präsi­dentin, Zürich

Kontakt für Medien: Julia Franke, Epilepsie‐Liga, Seefeld­strasse 84, 8008 Zürich
franke@epi.ch, Tel. 043 477 07 06

Kinder­wunsch mit Epilepsie